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Eine Analyse der „Mardin-Fatwa“

Scheich Abd al-Wahhâb al-Turayrî (Übersetzt von: H. Citlak) / 07.01.2016

Frage:

Können Sie bitte die „Mardin-Fatwa“ näher erläutern?

Antwort:

Ich möchte über die Mardin-Konferenz reden als jemand, der fest involviert war, von der Konzeptionsphase bis hin zur abschließenden Auswertung, als die „Neue Mardin-Erklärung“ verkündet wurde.

Die Konferenz wurde vom „Global Center for Renewal and Guidance“ (Globales Zentrum für Wiederbelebung und Führung – GCRG) in Zusammenarbeit mit der Artuklu Universität aus Mardin einberufen, mit der Absicht, Ibn Taymiyyas „Mardin Fatwa“ (Rechtsgutachten) zu studieren. Die Konferenz wurde geleitet von dem herausragenden Gelehrten Scheich Abdullah bin Bayyah.

Tatsächlich wurde die Konferenz auf seine Initiative hin einberufen. Seine Hoffnung für die Konferenz war, Ibn Taymiyyas „Mardin Fatwa“ aus ihrem spezifisch geographischen Fokus zu holen, für die sie beabsichtigt war und in ein breiteres, globales Licht zu rücken und von den Gegebenheiten aus Ibn Taymiyyas Zeit in ein zeitloses Verständnis zu rücken.

Um dieses Ziel zu erreichen, musste die Konferenz einige Themen untersuchen:

1. Ein volles inhaltliches Verständnis der Fatwa war notwendig.
2. Der korrekte Text der Fatwa musste bestimmt und Fehler in der Übertragung ermittelt werden.
3. Ein korrektes Verständnis der „Mardin Fatwa“ muss auf Basis der ersten zwei Punkte bestimmt werden.
4. Der Nutzen der Fatwa für die heutige Zeit muss untersucht werden.

Die erste Untersuchung: Die Fatwa Verstehen

Mardin ist die Region in der Türkei, wo Ibn Taymiyya geboren wurde. Seine Heimatstadt, Harran, liegt innerhalb von Mardin. Die Mongolen eroberten und belagerten Mardin, als Ibn Taymiyya sieben Jahre alt war und zwangen so ihn und seine Familie, zu fliehen.

Die Menschen Mardins waren Muslime. Ibn Taymiyya erachtete die Mongolen als Besatzer, welche als grausame, mordende Ungläubige herrschten, da sie diverse Gräueltaten an den Bewohnern der Region verübten. Die Situation der Region war eine solche, dass die allgemeine Bevölkerung Muslime waren, aber unter der Herrschaft von Nicht-Muslimen standen.

Ibn Taymiyya wurde über die Menschen von Mardin gefragt: „Sollten die Menschen Mardins als Heuchler angesehen werden? Ist es für die dortige muslimische Bevölkerung verpflichtend, auszuwandern? Sollte Mardin noch als Teil der muslimischen Welt angesehen werden?“

Seine Antwort – bekannt als Mardin Fatwa - spricht diese Punkte klar an:

1. Das Leben und der Besitz der Menschen Mardins sind unantastbar. Ihr Leben in der Unterjochung durch die Mongolen beeinträchtigt nicht eines ihrer Rechte, auch dürfen sie nicht verleumdet oder der Heuchelei beschuldigt werden.

2. Solange die Bewohner Mardins in der Lage sind, ihre Religion zu praktizieren, sind sie nicht dazu verpflichtet, auszuwandern.

3. Sie sollten denen, die gegen die Muslime kämpfen, keine Unterstützung zukommen lassen, auch wenn sie deswegen gezwungen sind, ihnen zu schmeicheln, auszuweichen, oder fernzubleiben.

4. Das Gebiet ist weder vollständiger Teil der muslimischen Welt, da es unter der Herrschaft der Mongolen steht, noch ist es Teil der nicht-muslimischen Welt, da es von Muslimen bevölkert wird. Tatsächlich ist es eine Mischung aus beiden. Die Muslime, die dort leben, sollten entsprechend ihrer Rechte als Muslime behandelt werden, während die Nicht-Muslime, welche außerhalb der islamischen Gesetzgebung leben, entsprechend ihrer Rechte behandelt werden sollten.

Ibn Taymiyyas detaillierte Beschreibung der Region zeigt etwas von seinem Scharfsinn, wenn es um komplexe Fragen und Situationen geht.

Die zweite Untersuchung: Den korrekten Wortlaut der Fatwa bestimmen

Der Text der Fatwa lautet wie folgt:

Ibn Taymiyya wurde über das Land Mardin befragt: „Ist es ein Land des Krieges oder Friedens? Sind die Muslime, die dort leben, dazu verpflichtet in andere muslimische Länder auszuwandern? Wenn sie dazu verpflichtet sind, es aber nicht schaffen und den Feinden des Islam helfen mit ihrem Leben und ihrem Besitz, sind sie deswegen in Sünde? Sind diejenigen, welche sie der Heuchelei bezichtigen und sie herabsetzen, sündig für diese Taten?“

Ibn Taymiyya antwortete:

„Gelobt sei Allah. Das Leben und der Besitz der Muslime sind unantastbar, ob sie in Mardin leben oder woanders. Denen zu helfen, die gegen den Islam handeln, ist verboten, ob die Helfer nun die Menschen aus Mardin sind oder andere. Wenn die Menschen dort nicht fähig sind, ihre Religion zu praktizieren, dann sind sie dazu verpflichtet, auszuwandern. Sonst ist es vorzuziehen, aber nicht verpflichtend, dies zu tun. Es ist ihnen verboten, den Feinden der Muslime mit ihrem Leben und ihrem Besitz zu helfen. Sie müssen sich weigern, dies zu tun, mit welchen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, indem sie fernbleiben, ausweichen oder Schmeicheleien zeigen. Wenn der einzige Weg dazu die Auswanderung ist, dann müssen sie dies tun. Es ist nicht gestattet, sie grundsätzlich schlecht zu machen oder der Heuchelei zu beschuldigen. Geringschätzung und Beschuldigungen der Heuchelei müssen entsprechend der Bestimmungen sein, welche der Qur‟an und die Sunnah festlegen und sie sind gleichwertig anwendbar auf einige der Leute von Mardin, wie auch auf einige Leute anderswo.

Bezüglich der Frage, ob es ein Land des Krieges oder des Friedens ist, es ist eine gemischte Situation. Es ist kein Ort des Friedens, wo die Gesetze des Islam angewandt werden und wo die bewaffneten Truppen Muslime sind. Es ist aber auch kein Ort des Krieges, dessen Bewohner Ungläubige sind. Es ist eine dritte Kategorie. Die Muslime, welche dort leben, sollten entsprechend ihrer Rechte als Muslime behandelt werden, während die Nicht-Muslime, welche dort außerhalb der islamischen Gesetzgebung leben, entsprechend ihrer Rechte behandelt werden sollten.“

Eine Unstimmigkeit ist in einigen gedruckten Versionen der Fatwa aufgetaucht, in der letzten Passage, wo es heißt: „Die Muslime welche dort leben, sollten entsprechend ihrer Rechte als Muslime behandelt werden, während die Nicht-Muslime, welche dort außerhalb der islamischen Gesetzgebung leben, entsprechend ihrer Rechte behandelt werden sollten.“

In einigen gedruckten Versionen ist der Text verfälscht und liest sich wie folgt: „…während die Nicht-Muslime, welche dort außerhalb der islamischen Gesetzgebung leben, bekämpft werden sollten, wie sie es verdienen.“
Diese Änderung in der Bedeutung ist die Folge der Ersetzung von zwei Buchstaben in einem einzigen Wort. Statt dem richtigen Wort „yu`āmal” (sollten behandelt werden), steht geschrieben „yuqātal“ (sollten bekämpft werden). Dieser Druckfehler ändert die Bedeutung des Satzes drastisch.

Der korrekte Wortlaut der Fatwa befindet sich in folgenden Quellen:

1. Die einzige bekannte Manuskript-Kopie der Fatwa, welches das Zahiriyya-Bibliothek-Manuskript (2757), archiviert in der Asad Bibliothek in Damaskus, ist.

2. Die Fatwa wird von Ibn Taymiyyas Student und Zeitgenossen Ibn Muflih in seinem Werk Adāb al-Scharī`ah (1/212), mit dem korrekten Wortlaut zitiert. „…während die Nicht-Muslime, welche dort außerhalb der islamischen Gesetzgebung leben, entsprechend ihrer Rechte behandelt werden sollten.“

3. Es wird auch korrekt zitiert in al-Durur al-Saniyyah (12/248).

4. Scheich Raschid Rida zitiert es korrekt in der Zeitschrift al-Manār.

Der verfälschte Wortlaut tauchte das erste Mal vor ungefähr 100 Jahren auf, in der Edition Ibn Taymiyyas „Fatawa“ von 1909, welche von Faradsch Allah al-Kirdi gedruckt und veröffentlicht wurde. Danach wurde Scheich Abdurrahman al-Qasims Edition gedruckt und veröffentlicht, basierend auf dem Text der Kirdi Edition, wodurch der Fehler übernommen wurde (28/248).

Wegen der weiten Verfügbarkeit dieser Edition von „Fatawa“ wurde der falsche Wortlaut die bekannte Version in der Öffentlichkeit und bei Studenten des Religionswissens. So wurde auch bei der Übersetzung der Fatwa ins Englische, Französische und andere Sprachen auf die gedruckte Version mit dem Fehler vertraut. Folglich wurde der Ruf des Islam beeinträchtigt und einige junge Leute im Westen, welche den Islam annahmen, bekamen einen falschen Eindruck von den Lehren des Islam.

Wenn die Mardin-Konferenz nichts anderes erreicht hätte, als diesen Fehler ans Tageslicht zu bringen, so wäre dies genug gewesen.

Die dritte Untersuchung: Das korrekte Verständnis der Fatwa

Der korrupte Text der „Mardin Fatwa“ wurde zur Basis für die Legitimation vieler gewalttätiger und militanter Gruppen in der muslimischen Gesellschaft. Unter denen, welche diese Fatwa auf diese Art nutzten, war Abdussalam Faradsch mit seinem Buch al-Farīdah ahl-Ghā‟ibah (S. 6), welches ein Manifest für militante Gruppen geworden ist.

Viele Gelehrte haben daraufhin seine Schlussfolgerungen widerlegt, darunter der ehemalige Rektor der al-Azhar, Scheich Dschad al-Haqq, und der Vorsitzende des Fatwa-Vorstandes der al-Azhar, Scheich „Atiyyah Saqar. Sie erörterten erfolgreich die Tragweite der „Mardin Fatwa“, entsprechend ihres Kontextes, obwohl sie den Text so akzeptierten, wie er sie in seiner verfälschten Form erreicht hatte. Hätten sie den authentischen Wortlaut gekannt, wäre ihnen viel Arbeit erspart geblieben.

Der Grund, warum militante Gruppen auf der Mardin Fatwa aufbauen, um ihr Verhalten zu legitimieren, ist der verfälschte Wortlaut „…während die Nicht-Muslime, welche dort außerhalb der islamischen Gesetzgebung leben, bekämpft werden sollten, wie sie es verdienen.“ Dieser Satz kann auf zwei Arten verstanden werden:

1. Der Befehl zu kämpfen wird passiv gegeben, ohne zu sagen, wer den Kampf ausführen soll. Militante Gruppen haben dies als Lizenz genutzt, um anzunehmen, dass sie zu den Waffen greifen dürfen, um gegen Leute in den muslimischen Ländern und Gesellschaften zu kämpfen.

2. Der Ausdruck „außerhalb der islamischen Gesetzgebung“ erscheint mehrdeutig im Kontext des verfälschten Textes. Er könnte so verstanden werden, dass es jeden mit einschließt, von jenen, die kleine Sünden begehen, bis hin zu jenen, die große Übertretungen begehen. Dies hat militanten Gruppen einen breiten Rahmen für Interpretationen gegeben, um gegen andere zu handeln.

Sobald aber der authentische Wortlaut ins Spiel kommt, verschwindet das, worauf diese Gruppen sich stützen, vollkommen. Das Verständnis der Fatwa ist vollständig anders. Der korrekte Wortlaut der Fatwa betont die Unantastbarkeit des muslimischen Lebens und schließt jede Möglichkeit aus, ihr Leben oder ihren Besitz in Gefahr zu bringen. Die Fatwa sagt klar: „Das Leben und der Besitz der Muslime sind unantastbar, ob sie in Mardin leben oder woanders… Es ist nicht gestattet, sie grundsätzlich schlecht zu machen oder der Heuchelei zu beschuldigen.“

Auch wird klargestellt, dass Orte wie Mardin weder solche sind, wo das islamische Gesetz herrscht, noch Orte des Krieges. Ibn Taymiyya erklärt in seiner Fatwa, dass Muslime dort leben können, solange sie in der Lage sind, ihre Religion frei zu praktizieren und dass den dortigen Muslimen zusteht, von anderen Muslimen entsprechend ihrer Rechte als Muslime behandelt zuwerden. Die Nicht-Muslime, welche dort leben und nicht dem islamischen Recht unterstehen, sollten genauso ihre Rechte erhalten.

Dies ist, was die „Mardin Fatwa“ wirklich aussagt, wenn man sich auf den authentischen Text stützt.

Die vierte Untersuchung: Die Relevanz für unsere Zeit

Ibn Taymiyya merkt in seiner Fatwa an, dass die Welt nicht einfach in islamische Länder und nicht-islamische Länder unterteilt werden kann, anders als viele vor ihm, welche diese dualistische Ansicht vertraten.
Er erkannte, dass es einen dritten Typ von Gesellschaft gibt, welcher Aspekte von beiden hat. Weiterhin sagte er, dass Muslime in solchen Gesellschaften leben können, solange sie ihre Religion ausüben können und dass alle ihre Rechte erhalten sollten. Muslime sollten die religiösen Rechte ihrer Glaubensgeschwister in diesen Ländern anerkennen, so wie auch die Rechte der Nicht-Muslime, welche nicht dem islamischen Gesetz unterstehen.

Diese Fatwa hat Bedeutung für die heutige pluralistische Welt, in der es kaum ein Land gibt, in dem keine Muslime leben. Die Bedingungen, unter denen die Muslime leben, variieren von Land zu Land. In vielen Ländern der Welt genießen muslimische Minderheiten vollkommen das Recht, ihren Glauben frei zu praktizieren. Sie dürfen nach der islamischen Lehre Gottesdienste abhalten und werden nicht in die Unterdrückung gezwungen oder dazu, ihren Glauben aufzugeben. Diese Länder mögen zwar kein Teil der muslimischen Welt sein, aber sie sind sicherlich Länder des Friedens und der Sicherheit.

Wie wir wissen, hat der Prophet Muhammad (Segen und Frieden seien auf ihm) die erste Gruppe von Auswanderern von Mekka nach Abessinien gesandt, ein nicht-muslimisches Land, und Er tat dies so, weil es ein Land der Sicherheit war, in dem die Muslime in ihrer Religion sicher waren. Dies war so, weil der König von Abessinien ein gerechter König war, welcher den Menschen unter seiner Herrschaft nie Unrecht antat.

Dies ist das Wesentliche dessen, was die „Neue Mardin-Erklärung“ verkündet, welche von den Delegierten am Ende der Mardin-Konferenz bestätigt wurde.

Quelle(n):

www.ahlu-sunnah.de

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